Eine Geschichte aus der Zeit vor dem Wendejahr 1989 hat als Hauptfigur den Schriftsteller Sorin Titel, dem in den frühen 1980er Jahren ein Buch ins Niederländische übersetzt wurde. Dies ist eine wahre Geschichte und kein Hirngespinst des Autors. Der Verleger war mit dem Buch zufrieden und fragte Sorin Titel, ob er ihm auch andere rumänische Autoren empfehlen könne, denen man Beachtung schenken sollte. Und der Schriftsteller begann, ihm ohne Zögern mehrere empfehlenswerte Namen zu nennen. Der Verleger war ganz verblüfft, wobei Sorin Titel ihn fragte, warum er denn so überrascht sei, dass man ihm andere rumänische Autoren zur Veröffentlichung vorgeschlagen hat. Und der Verleger antwortete, dass bei ihm ein Schriftsteller namens Marin Sorescu war, der auf die Frage nach anderen wertvollen rumänischen Schriftstellern antwortete, dass er ihm niemanden empfehlen könne.
Eine Geschichte aus der Zeit nach 2010, als ich Alexandru Vlad auf dem ersten Nationalen Literaturfestival FestLit (2014) in Klausenburg kennenlernte. Wir saßen zusammen bei einem Kaffee und später bei einem Bier mit einem seiner Freunde, dem Bildhauer Ioan Marchiș. Alexandru Vlad hatte einen besonderen Charme, er konnte schwatzen, wie es nur wenige Menschen konnten, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Man hatte den Eindruck, dass er sich noch während des Gesprächs die nächste lebensechte Geschichte ausdachte, die aus seinen Worten geboren wurde und sich unbemerkt zu einer greifbaren Realität verwandelte, ohne dabei etwas von ihrer rätselhaften Ausstrahlung zu verlieren. In seinen Augen leuchtete eine Art geheimnisvolles Licht auf, wenn er in der Sprache einen schönen Ausdruck entdeckte, der ein neues Fenster zur Welt zu öffnen schien. Seine Augen funkelten vor Freude, es war die Freude eines wortgetreuen Intellektuellen, bei dem man die Leistung des Geistes fast körperlich verkosten konnte. Dafür, dass er die passenden Worte gefunden hat und sie ausspricht. Und gleichermaßen für alles andere, was sein kongenialer Text zum Ausdruck bringt, die feinsinnige Ironie und die übertragenen Bedeutungen, die von einem bemerkenswerten Talent zeugen, das von den Vertretern des schriftstellerischen Fachverbands leider zu wenig gewürdigt wird für alles, was er für die rumänische Literatur geleistet hat. Eine Anerkennung mag ihm zuteil werden oder nicht – sein Werk bleibt. Die Verurteilung zu einem unverdienten Schattendasein wurde möglicherweise auch durch sein Desinteresse verursacht, sich an bestimmten Machtspielen zu beteiligen, die jemanden ausschließlich dann berühmt, renommiert und erfolgreich machen, wenn man – wie die Engländer sagen – in ist. Ansonsten wird man aufs Eis gelegt.
Im folgenden Text schlägt er uns vor, ein uns sehr bekanntes Land kennenzulernen, in dem Schriftsteller fast völlig fehlen. Es gibt nur einen Einzigen, alle anderen sind nur ein Haufen von Amateuren. (Peter Sragher)
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Schriftstellern wird immer nachgesagt, sie seien schwierige Menschen und hätten Schwächen, die sie zumindest für die Gestaltung literarischer Figuren mit negativen Charaktereigenschaften nutzen könnten, sie aber stattdessen für ihre eigenen Streitigkeiten untereinander verwenden. Diese Streitigkeiten können pluraler Natur sein, d.h. jeder schriftstellerische Fachverband spaltet sich bald in zwei oder drei Parteien auf, die jeweils von einem anderen Status und anderen Anführern träumen, oder verwandeln sich in persönliche Rivalitäten, die ein ganzes Leben dauern können. Denn erst am Schreibtisch wird man zum Autor, oder wenn man auf Reisen geht.
Schriftsteller scheinen von Natur aus Reisende zu sein. Es ist verständlich, denn warum sollen diejenigen, die ständig mit ihrer Einbildungskraft reisen, nicht bereit sein, zum Flughafen zu fahren, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt? Und sie sind vielleicht mehr vom Reisen fasziniert als ein Durchschnittsmensch. Und das ist nicht schwer zu beweisen – wenn bis zu unserer großen Revolution das Schreiben die Reisen ersetzten, so nahmen nach dieser Revolution die Reisen den Platz des Schreibens an. Eine Reise ist vergleichbar mit einem Buch, für das man nicht arbeiten muss – weder um es zu schreiben, noch um es zu lesen. Es passiert einfach so. Bei Paul Theroux ist jedes Kapitel ein anderer Zug.
In unserem Land gibt es viele Schriftsteller, was ich immer als gut empfunden habe, wie es auch die große Teilnahme auf der letzten Buchmesse in Paris gezeigt hat. Aber in einem nicht weit von uns entfernten Land, mit einem noch ungewissen politischen Regime, das sich in einer ständigen Übergangszeit zu befinden scheint, ist bekannt, dass es dort nur einen einzigen Schriftsteller gibt. Eine Zeit lang Anregung zum Staunen, dann zur Belustigung und schließlich zum Nachdenken.
Ich hätte nicht darüber geschrieben, wenn sich nicht jemand aus der Hauptstelle an mich erinnert, mich aus meinem Versteck gelockt, und, im Rahmen eines Programms, an dem mehrere Kultureinrichtungen und einige Sponsoren zusammengearbeitet haben, mich nicht irgendwohin, sondern genau in dieses Land mit einem einzigen Schriftsteller geschickt hätte. Auf die Schnelle hat man womöglich niemanden gefunden, der dafür in Frage gekommen wäre. Im allgemeinen beteiligen sich nämlich meine Herren Kollegen gerne an den Delegationen des Fachverbandes, wenn man China besucht oder noch häufiger das begehrenswerte Frankreich. Und so kam es, dass sich ausgerechnet mir die Gelegenheit bot, in das Land mit einem einzigen Schriftsteller zu fahren.

Jeder kannte diesen Schriftsteller, der einzige in seinem Land, und wahrscheinlich wurde er für seinen privilegierten Status beneidet, nur ich, der Naivling, konnte nicht verstehen, warum man nicht besonders interessiert war, dieses Land zu besuchen und, falls möglich, ihn zu treffen, wenn auch für ein paar Minuten und nur in der Gegenwart des Botschafters unseres Landes. Es versteht sich von selbst, dass dieser Schriftsteller in seinem Land berühmt war und jedes Jahr von der Nationalen Akademie für den Nobelpreis nominiert wurde. Vielleicht ist er auch herumgereist, aber ich hab mich umgehört – er hat unser Land noch nie besucht. Er wählte, genauso wie unsere Kollegen, die attraktiveren Ziele, vielleicht sogar dieselben. Unsereiner reiste nicht hin, entweder weil das Land zur Dritten Welt gehörte oder weil wir selbst gerade einem ähnlichen Regime entkommen waren und dieser Kerl zu sehr in der Gunst seiner Regierung stand und deshalb bedeutungslos war. Man beneidete seine hohen Auflagen, aber keiner hatte Lust seine Bücher zu lesen, geschweige denn, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Es ist nicht so, dass dieses Balkan-Land mit Ausgang zum Meer kein touristisches Potenzial hätte, aber es mangelte an Infrastruktur. Auch wurde behauptet, dass man gleich nach der Ankunft einem sehr hilfsbereiten Reiseführer anvertraut wurde, dessen Blicken man aber nicht entkommen konnte. Er war sicher ein Beamter des mächtigen nationalen Geheimdienstes. Aber genau den sind wir losgeworden und niemand wollte sich wirklich an jene Zeiten erinnern. Andererseits gab es auch Positives zu vermelden, und zwar munkelte man, dass eine Spezialdruckerei ausschließlich für ihn arbeitete. Da er der Einzige war, musste er sich in allen Literaturgattungen ausdrücken: Lyrik (in seiner Jugend), Kurzproza und dann Romane (im Erwachsenenalter), Publizistik (ständig) und Theater (besonders in letzter Zeit). Einige hielten dies für normal, da er der nationale Autor war, andere meinten, er sei einzigartig, gerade weil er solche Fähigkeiten besass. Um ehrlich zu sein, kann man aber keinem Schriftsteller vorwerfen, eine Form ohne Substanz zu sein. Man führte ein Theaterstück auf, man verfilmte einen Roman. Seine Gedichte sind in Schulbüchern abgedruckt und werden auf ländlichen Festen vorgetragen. Er hatte also einen beneidenswerten Status. Man hatte ihm aber vorgeschlagen, er soll Romane schreiben, wenigstens bis sich diese Priorität mit dem Erhalt des Nobelpreises erfüllte. Denn das Land hatte immer noch ein Problem: es hatte noch nicht die Eurovision oder den Nobelpreis gewonnen.
Er wurde im Amtssitz des Präsidenten nach Lust und Laune empfangen, denn das Land mit einem einzigen Schriftsteller hatte auch nur einen einzigen Staatspräsidenten und einen einzigen Ministerpräsidenten, die es für selbstverständlich hielten, einen einzigen Schriftsteller zu haben, und sie wetteiferten, ihn mit Ehrerbietungen und Privilegien zu überhäufen. Der Staatspräsident hatte seine Berater, der Ministerpräsident sein Regierungskabinett, aber der Schriftsteller war ganz allein. Er war einzigartig. Sie ließen sich mit ihm für die Presse fotografieren und traten manchmal sogar mit ihm im Fernsehen auf, vor allem während der Wahlkampfzeiten. Das Land war nicht groß und sie wissen ja: kleines Land, viele Fahnen und große Statuen. Eines Tages wird es eine Statue von ihm auf einem zentralen Platz geben. Vorläufig ist in der Nationalbibliothek ein Tisch auf seinen Namen reserviert und es gibt ein Regal, das nur seine Werke enthält. Es wurde vorgeschlagen, den Schriftsteller in das Kulturerbe UNESCO aufzunehmen, und es wurde auch ein Antrag in dieser Hinsicht gestellt, aber die Antwort kam in englischer Sprache und präzisierte, dass sich das besagte internationale Forum satzungsmäßig nur mit historischen Gebäuden, Denkmälern und Parks befasst. Weniger mit Menschen.
Wir wussten, dass es dort keine professionelle Berufsvertretung der Schriftstellerinnen und Schriftsteller gab, es wäre sinnlos gewesen. Der Schriftsteller nahm jedoch manchmal, sehr selten, an den Sitzungen des Verbands nichtberuflicher Autorinnen und Autoren teil (die nur Amateure waren), und zwar eher aus Langeweile und um sicherzustellen, dass sein Status nicht gefährdet wurde und keiner auf seinem Niveau war. Nicht unbedingt, um seinen Platz einzunehmen, sondern um nicht in die unerwünschte Situation zu gelangen, dass das Land zwei Schriftsteller hat. Natürlich murrten viele dieser Amateure, dass es einen einzig anerkannten Schriftsteller gab, sie beneideten ihn um seine (häufigen, wie es ihnen schien) Auslandsreisen und jeder einzelne von ihnen hätte gerne aus diesem Grund seine Stelle eingenommen, aber nicht unbedingt um dadurch die Anzahl der Schriftsteller zu erweitern. Das Land war nicht reich, die Regierung führte eine Sparpolitik und eine Schar von Schriftstellern konnte nicht die gleichen Privilegien genießen. Und auch die Bevölkerung hätte nicht gewußt, wie sie ihre Lesezeit und Bewunderung aufteilen sollte.
Ich wurde in sein Büro geführt, in ein Gebäude, das keine Aufmerksamkeit erweckte, das aber wahrscheinlich eines Tages eine Gedenkstätte sein würde. Überall lagen Bücherstapel, auch im Treppenhaus. „Du hast Glück, dass ich zu Hause bin“, sagte el, nachdem er mir die Hand geschüttelt und mich durch ein Zeichen aufgefordert hatte, mich auf die Couch zu setzen. Für meinen speziellen Begleiter brachte er einen Hocker aus der Küche. „Da ich der einzige Schriftsteller bin“, fuhr er fort, „werde ich so oft ins Ausland eingeladen, dass ich damit, ehrlich gesagt, kaum klarkomme. Manchmal schaffe ich es kaum, meine Wäsche zwischen den Fahrten zu wechseln. Falls bei euch die Reisen und Stipendien Anlass zu Neid und Streitigkeiten unter den Kollegen sind, hab ich selbst kein Problem damit.“ „Haben sie viele Kritiker?“ „Ja. Aber alle schreiben über mich. Deshalb nennen sie sich ja auch Kritiker. Manchmal stehen sie Schlange, um eine Rezension in den wenigen Zeitschriften veröffentlichen zu können.“ „Es gibt also auch mehrere Zeitschriften?“ „Ja, mehrere.“ „Worüber schreiben sie denn?… Außer…“ „Über klassische Autoren, über ausländische Literatur. Man veröffentlicht bei uns viele Übersetzungen und zahlreiche Studien zur vergleichenden Literaturwissenschaft. Es gibt einen Fachverlag und ich bin Berater dieses Verlags.“ „Gibt es auch einen Kulturminister?“, wollte ich wissen. Sie hatten keinen Minister, aber einen Staatssekretär und einen dafür zuständigen Parlamentsausschuss. Sicherlich waren sie sehr beschäftigt, sagte ich zu mir selbst. „Die Kultur, in diesem Fall die Schriftkultur, kostet uns weniger. Und wenn es unseresgleichen mehr gäbe, würden wir uns wahrscheinlich untereinander streiten, uns in Gruppen und Grüppchen aufteilen, eine Generationentheorie aufstellen und so weiter.“ Ach, wie gut ich das alles kannte! „Ein einziger Schriftsteller hat niemanden, mit dem er sich streiten und gegen den man sich polemisch äußern kann.“ Wir tranken Kaffee und sprachen über alles Mögliche. Ich erkannte, wie sinnlos es war, ihn zu fragen, warum er nicht irgendwo im wunderbaren Westen geblieben ist, um sich dort der Reisefreiheit zu erfreuen. Das wäre wirklich dumm gewesen.
Ob es nicht doch einige Einschränkungen für ihn gäbe? Er durfte keine Pseudonyme verwenden, andererseits hätte er keinen Grund dazu gehabt, denn alle akzeptierten die Tatsache, dass es nur einen einzigen Schriftsteller gab.
Dann senkte er ein wenig seine Stimme und mein spezieller Begleiter tat so, als interessiere er sich für die Gemälde an den Wänden, alle davon ausschließlich Landschaften.
„Die Verantwortung ist groß. Ich bin dazu verdammt, den Nobelpreis für mein Land zu gewinnen, wenn wir an der Reihe sind. Letztes Jahr erhielt ihn ein Ägypter und das bedeutet, wie man so schön sagt, dass er immer näher rückt. Aber glauben sie mir, nicht dass ich ein Pessimist bin, aber dieser Nobelpreis wäre gleichzeitig auch eine Katastrophe. Von da an wird man mich in verschiedenen Städten, auf internationalen Buchmessen und Kongressen zur Schau stellen, und niemand wird in die Kultur investieren, kein anderer Schriftsteller wird meinen Status haben. Sobald das Ziel erreicht ist (so formulieren es die Behörden) bleibt uns nur noch die Eurovision.“
In dem ist sicher etwas Wahres. Weniger Probleme können erst recht ernster erscheinen, als sie sind, sogar schwerwiegender, genauso wie ein einziger Schriftsteller viel wichtiger ist, als wenn er den Ruhm mit anderen teilen muss. Es ist nur so, dass Verantwortlichkeiten entstehen, die sich sonst in der Gemeinschaft zerstreut hätten.
Wieder zu Hause, fragten mich einige meiner Schriftstellerkollegen mit einem ironischen Unterton, wie es denn dort gewesen sei, mit dem einzigen staatlich zugelassenen Schriftsteller einer Nation zu verkehren. Einige von ihnen hatten meine Abwesenheit nicht einmal bemerkt. Ich redete um den heißen Brei herum, erzählte ihnen von den außerordentlichen Naturschönheiten dieses Landes, dem sie ausgewichen waren, von der Gastfreundschaft der einfachen Leute und der Großzügigkeit der Behörden. Was den besagten Schriftsteller betrifft, so habe ich mit den Schultern gezuckt und gesagt, er sei wie jeder andere auch. Und doch habe ich etwas geheim gehalten, etwas, über das ich nie ein Wort verloren habe. Wie hätte ich ihnen sagen sollen, dass er nicht nur der einzige Schriftsteller seines Landes war, sondern dass ich selbst in den Wochen, die ich dort verbrachte, als der einzig lebende rumänische Schriftsteller betrachtet wurde? Ich habe mich zurückgehalten, um keine Eifersucht zu wecken. Das hätte mir nichts genützt.
Übersetzung aus dem Rumänischen von Radu-Mihai Alexe
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* Die rumänische Originalfassung dieses Textes erschien erstmals in der Zeitschrift Vatra Nr.3 (2014). Das Einverständnis für eine erneute Veröffentlichung und für die Übersetzung ins Deutsche wurde vom Rechtsinhaber Alexandru Vlad jr., Sohn von Alexandru Vlad, eingeholt.