Ștefan Mitroi – Die taubstumme Katze

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Aus dem Rumänischen übersetzt von Radu-Mihai Alexe

Ștefan Mitroi, ein rumänischer Prosaschriftsteller avant la lettre, erinnert uns an den rumänischen Dichter Ioan Es. Pop, der seine Existenz und sein künstlerisches Schaffen entscheidend geprägt hat, durch die unzerstörbare Verbindung mit dem Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte. Die unberührte Mythologie, aus der sie ihre Lebenskraft schöpfen und die für manche Stadtbewohner wie ein Wunder wirkt, verbindet sie, obwohl sich die literarischen Genres, in denen sie sich ausdrücken, unterscheiden, auch wenn die Dörfer, in denen sie geboren wurden, sehr weit voneinander entfernt sind. Unsere Redaktion möchte Sie – als Literaturliebhaber – an unserem Erstaunen beteiligen, das durch die Prosa von Ștefan Mitroi, einem der besten Prosaschriftsteller der rumänischen Literatur, ausgelöst wird. Einzelheiten zu seinem Leben und Werk finden Sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Ștefan_Mitroi. Der schön bemalte Karren im Bild, das diese Kurzprosa illustriert, ist seit Jahrzehnten Teil des Gehöfts der Familie Mitroi – wo der Prosaschriftsteller geboren und aufgewachsen ist – und wurde aus einem wertvollen Arbeitsinstrument in ein wahrhaftiges Museumsobjekt umgewandelt. Die taubstumme Katze muss oft – im warmen Sommer des Süden Rumäniens – mitten im Karren ihr Schönheitschläfchen genossen haben. (Fitralit)

***

Ich habe meine Mutter beerdigt. Ich war dabei, auch meine Kindheit zu begraben. Es reichte, den Schlüssel im Türschloss umzudrehen, um mein Geburtshaus in ein Grab zu verwandeln. Ich schob dieses Grab in ein noch größeres, als ich das Tor verriegelte, und ging…

Ștefan Mitroi – Foto aus dem persönlichen Bildarchiv

Ich habe einen Ort verlassen, wo niemand mehr ist. Früher gab es dort so viel Leben, aber jetzt ist alles menschenleer.

Erst später fiel mir die Katze ein. Es fehlten viele Dinge in meinem Elternhaus, aber niemals das Mehl im Getreidespeicher und die Katze. Falls sie zwischen den beiden wählen müsste, hätte sich meine Mutter ohne zu zögern für die Katze entschieden. „Wie soll ich ohne Katze leben?“, fragte sie, während Vater und ich fest davon überzeugt waren, dass wir ohne Brot nicht leben können.

Hat wohl die Katze, an die ich mich gerade erinnert habe, ohne meine Mutter überlebt? Ich hatte sie vollkommen vergessen und musste auf einmal an all die Katzen denken, die meine Mutter je hatte. Ich wusste nicht, wie viele es waren. Ich habe sie noch nie gezählt. Eine junge Katze erschien immer statt der alten, die gerade verstorben war. Vielleicht war jede neue Katze die Summe aller alten Katzen. Das hat meine Mutter gern gedacht.

Da die Katze bei uns am Tisch saß, dachte sie, dass es angemessen wäre, auch den Schlafplatz mit uns zu teilen. Immer wenn im Winter der Wind zu sausen begann oder der Frost so hart war, dass man das Wasser mit einer Axt aus dem Brunneneimer aufschlagen musste, durfte sie die Nacht im warmen Haus verbringen. Sie schnurrte zur gleichen Zeit wie die Spindel meiner Mutter, aber trotzdem anders. Bis mein Vater auftauchte, lag sie mit geschlossenen Augen und gemächlich ausgestreckt auf dem Bett. Er verscheuchte sie sofort unter das Bett, wo sie hingehörte, obwohl er sagte, dass die Katze nach draußen gehöre.

 „Sie ist auch nur eine Seele“, sagte meine Mutter. „Wie kannst du sie nur bei diesem Schneesturm aus dem Haus werfen?“ Das haben wir nicht getan. Wir haben sie im Zimmer bei uns schlafen lassen.

Doch als das Tauwetter begann, zog die Katze auf den Dachboden. Nachts konnten wir hören, wie auf einem Holzbalken ihre sanften, samtigen Schritte hüpften. Damals, am ersten Abend ohne meine Mutter, habe ich nicht darauf geachtet. Ich war ihr tagsüber begegnet. Es war eine orangefarbene Katze. Sie war zwar recht alt, aber trotzdem gesund. Ich habe noch nie gesehen, dass sie je krank gewesen ist. Und als ich ging, sah ich sie nicht mehr. Ich dachte nicht mal an sie.

Einige Wochen später, als ich in einem Buch über das alte Ägypten blätterte, fiel mir plötzlich die Katze ein, mit der meine Mutter die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Wo ist sie denn verschwunden? Was ist mit ihr passiert?

Kaum hatte ich das Haus erreicht, fiel mir auf, dass sie auf dem Steg auf mich wartete. Damals, als meine Mutter noch am Leben war, hatte sie das nie getan. Vielleicht war sie ja auch nur aus Versehen da. Aber ich fand sie an derselben Stelle, als ich beim nächsten Mal wiederkam.

Von nun an, da ich zunächst dachte, meine Besuche vor Ort würden immer seltener werden, fühlte ich das Bedürfnis, die Schwelle meines Elternhauses wöchentlich zu überschreiten. Denn ich wusste, ich werde erwartet. Von meiner gesamten Familie. Nachdem ich die orangefarbene Katze auf dem Steg gesehen hatte, sah ich, wie Mutter und Vater auf mich zukamen, um mich zu begrüßen. Deshalb habe ich letztendlich auch mit der Reparatur des Hauses begonnen.

Bei jeder Ankunft wartete die Katze immer auf mich am Haussteg. Sie wusste, ich würde kommen. Sie hat nicht geraten, sie wußte es genau. Ganz gleich, welches Wetter es war, sie war da. Weder Regen noch der schlimmste Schneesturm konnten sie vom Steg wegtreiben. Ich war zunehmend davon überzeugt, dass meine Mutter die Einfahrt ihrer Seele in den Himmel verschoben und sich in dieser orangefarbenen Katze niedergelassen hat, wo sich das Leben aller Katzen versammelte, die sie über die Jahre hatte.

Nur meine Mutter wußte genau, wann ich zurückkomme. Nur sie konnte so viel Sehnsucht nach mir haben.

Da bin ich, sagte ich zu der Katze, genauer gesagt zu meiner Mutter, sobald ich aus dem Auto gestiegen war. Ich bin gekommen. Komm schnell rein, ich will dir zeigen, was ich dir mitgebracht habe. Ich hatte mich daran gewöhnt, ihr ständig was mitzubringen. Keine Medikamente oder Süßigkeiten, wie früher, als sie mich an derselben Stelle erwartete, aber unter einer anderen Gestalt.

Meine Mutter mochte jetzt Katzenfutter in Pouches und Dosen, und ich habe ihr immer solche Dinge mitgebracht. Obwohl sie während einer einzigen Mahlzeit alles verschlungen hätte, gab ich ihr kleine Portionen. Ich weiß nicht, wie die Katze ohne mich ausgekommen ist. Sie schien nicht hungrig zu sein, da sie gut aussah und dicker war als zu der Zeit, als meine Mutter sie dreimal am Tag fütterte.

An einem Wintertag, gegen Abend, ist mir plötzlich klar geworden, dass sieben Jahre vergangen waren.

Zwar waren die Schritte der Katze samtig geblieben, doch ihre Beine waren bleiern geworden, da sie mir sehr schwerfällig hinterherlief. Ihre Stimme wurde, genauso wie ihre Schritte, so samtig, dass ihr Miauen kaum zu hören war und eher wie ein Jammern klang. Es schien ihr kalt zu sein, denn sie zitterte immer wieder. Erst dann fiel mir auf, wie alt sie tatsächlich geworden war.

Ich nahm sie mit zum Essen, aber nicht, weil ich vergessen hatte, ihr Futter zu kaufen. Das gleiche wäre geschehen, hätte ich es nicht vergessen. Nur die Tatsache, dass sie keine Hände hatte, verhinderte, dass ich ihr Besteck und einen Teller vorsetzte. Durch ihr äußeres Erscheinungsbild, aus dem zu mir die Seele meiner Mutter sprach, wurde mir klar, dass es unsere letzte Begegnung sein würde.

Ich zog einen Sessel an den Tisch heran und setzte sie darauf. Ich fütterte sie aus meiner Hand. Das war alles, war ich noch für meine Mutter tun konnte. Sie konnte kaum noch kauen. Ich kaute für sie. Sie wurde schnell satt. Vom Essen, meine ich, denn sie kriegte nicht genug vom Streicheln. Ich fuhr lange mit meinen Fingern durch ihr Fell, das spröde wie trockenes Gras geworden war. Aber es raschelte nicht wie Gras.

Das hat ihr gut gefallen. Es war vermutlich das Einzige, was sie noch genießen konnte. Sie schien vor Vergnügen dahinzuschmelzen, falls nicht die Hitze des heißen Ofens nebenan sie wegschmelzen ließ.

Am selben Abend bin ich abgereist. Ich hatte den Hausschlüssel bei einem Nachbarn hinterlegt, da die Katze drinnen eingesperrt war.

Der Nachbar schenkte ihr am nächsten Tag die Freiheit. Die Freiheit zu sterben, genauer gesagt, da sie eine Stunde später starb, als sie von einem Auto überfahren wurde. Sie war zum Haussteg gekommen und suchte nach mir. Ich war weggefahren, ohne mich von ihr zu verabschieden. Die orangefarbene Katze hatte sich angewöhnt, mich bis zum Tor zu begleiten, wenn ich ging.

Ich wollte sie nicht wecken. Deswegen habe ich ihr nichts gesagt. Ich war davon überzeugt, dass sie es wusste, als ich den Schlüssel im Schloss drehte. Doch sie wusste es nicht.

Würde mir meine Mutter jemals verzeihen?

Als erstes hörte ich wieder ihre Schritte. Dann sah ich ihre vorwurfsvollen Augen. Auch wenn eine Menge Zeit vergangen ist, konnte ich mich noch gut an sie erinnern. Ich hörte keine Geräusche um mich herum. Ich sah es in ihren Augen.

Wir saßen am Tisch auf der Terrasse, die als Verlängerung des Hauses errichtet worden war, mit Blick auf den Obstgarten, der anstelle des alten Gartens angelegt wurde. Bald würde es dunkel werden.

Plötzlich erschienen zwei kleine Lichter zwischen den Bäumen im Tal. Kurz darauf sahen sie wie Katzenaugen aus, näherten sich unserem Tisch und begannen zu betteln.

Die Katze, die uns zu Füßen stand, hatte eine andere Farbe als die, die ich kannte, und war bis auf die Knochen abgemagert. Wenn man genauer hinschaute, konnte man ihre Rippen leicht zählen. Sie gab keinen Mucks von sich. Oder vielleicht hatte sie eine weiße Stimme, so wie ihr Fell. Vielleicht maunzte sie uns an, um uns zu sagen, dass sie beinahe vor Hunger stirbt. Aber ihre Stimme konnten wir nicht hören. Glücklicherweise verstand ich gleich aus ihren Augen, was sie wollte.

Ein See im Nirgendwo, kein Dorf, keine Seele, nur der vereiste See im Winterfrost und die Sonne, die versucht ein bissel Leben in die Natur hereinzubringen – unweit vom Geburtsdorf des Wortkünstlers -, gerade so viel wie der Prosaschriftsteller Ștefan Mirtroi braucht, um Wunder zu wirken. Foto Peter Sragher

Ich warf ihr schnell ein Stück Braten zu. Aber sie verschwand mit dem Fleischstück hinter dem Holzschuppen,  anstatt es auf der Stelle zu verschlingen, wie ich es erwartet hatte. Sie kehrte jedoch sofort zurück, um einen weiteren Bissen zu erbetteln. Diesmal knabberte sie das erhaltene Stück Fleisch vor unseren Augen. Sie hat kaum aufgehört, ständig zu schlucken.

Es war nicht die Katze, für die ich sie hielt, sondern eine andere. Eine taubstumme Katze. Ich habe noch nie zuvor eine Katze gesehen, die gar nicht miaute, sie schien aber auch nicht zu hören, was man zu ihr sagte.

Eines Tages vergaß der Bruder meines Vaters, der nebenan wohnte, das Tor zwischen unseren Höfen offen, und plötzlich sah ich seinen Hund in meinem Garten. Genau zu dieser Tagesstunde erhielt die Katze gewöhnlich ihr Essen. Ich hatte sie schon einmal durch die Bäume schlängeln und vor uns stillstehen sehen. Und so habe ich sie auch diesmal auf mich zukommen sehen. Aber zugleich bemerkte ich auch den Hund. Und fing an zu schreien. Nicht zum Hund, sondern rief ihr zu, aufzupassen.

Doch die Katze ging lässig durch die Gasse. Der Hund sprang in ihre Richtung, doch das taubstumme Untier stellte sich auf die Hinterbeine und verpasste dem Hund mit ihren Vorderkrallen tiefe Kratzer an der Schnauze. Der Hund lief kläffend zurück in den Hof, aus dem er gekommen war, während die Katze weiterging, als sei nichts geschehen.

Eine Woche später war ihre Stimme nicht mehr weiß, sie hatte sich grün gefärbt und klang genauso wie das Gras, wo ich sie wimmern hörte. Danach wurde sie blau wie die Dämmerung, die über den Obstgarten herabstieg. Daraufhin auberginefarben wie der Zorn. Am Ende lila wie die Verzweiflung. Und schließlich rot wie die Liebe.

Die Katze miaute nicht, sondern schrie, als ob sie jemanden mit einer Stimme rief, die Verzweiflung und Hoffnung mit Liebe vermischte. Ich verstand es erst, als ich sah, wie das Katzenbaby hinter dem Schuppen unter dem Reisighaufen hervorkam. Nur dann hat sich ihre Mutter beruhigt. Sie packte das Kätzchen mit den Zähnen am Nacken und verschwand mit ihm im Dunkeln.

Eine Viertelstunde später kehrte sie zum Essen zurück.

Erst jetzt konnte ich nachvollziehen, wo die Katze das erste Stück Fleisch hingebracht hat, das ich ihr angeboten hatte. Einige Tage später erblickte ich das Kätzchen erneut zwischen den Obstbäumen. Ich ging zu ihm, aber als es mich sah, rannte es davon.

Dies geschah jedes Mal, wenn ich es rief: Es rannte weg.

Beim letzten Mal schlüpfte es unter der Tür in den Schuppen. Im selben Moment erschien die Katze über dem Zaun und rief nach ihm. Ich konnte hörte, wie es von innen antworten und wie es sich bemühte, herauszukommen, wusste aber nicht mehr, wie. Die Katze wollte ihm folgen, aber sie passte nicht unter die Tür. Durch das tägliche Essen von unserem Esstisch hatte sie an Gewicht zugenommen.

Um ihr im Schuppen eingesperrtes Kätzchen so bald wie möglich zu erreichen, fing sie an, gegen die Tür zu stoßen. Erstens, mit ihren Pfoten. Und dann mit dem Rücken. Als sie feststellte, dass sie die Tür nicht öffnen konnte, machte sie einige Schritte zurück, sprang plötzlich wie eine Feder nach vorne und schlug ihren Kopf gegen die Schuppentür.

Wäre ich ihr nicht sofort zu Hilfe gekommen, hätte sie sich zahlreiche Beulen, vielleicht sogar blutige Wunden zugefügt.

Sie rettete ihr Katzenjunges und beide machten sich auf den Weg zum anderen Ende des Obstgartens, wobei sie vergaß, mir zu danken.

Am nächsten Abend tauchte sie wieder auf. Ich nahm sie in meine Arme und streichelte sie, aber vorher ließ ich sie nach Belieben essen.

Ich strich mit den Fingern durch ihr warmes, schneeweißes Fell, als ich auf einmal ihren Herzschlag fühlte. Minutenlang hielt ich meine Hand auf dem Herzen der Katze. Dann nahm ich sie liebevoll in meine Arme und dachte an meine Mutter und meine Kindheitsjahre, die sich immer weiter entfernten.

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